Smart Glasses: Realwear HMT-1 im Test

Die komplett sprachgesteuerte Augmented Reality Brille wird von Realwear als das erste wirklich industrietaugliche Head Mounted Tablet beworben. Es soll Servicetechnikern den oft unverzichtbar gewordenen Dauerzugriff auf Informationen sowie innovative Dokumentations- und Kommunikationsmittel erlauben, aber gleichzeitig die Hände wieder zum Arbeiten frei geben. Im ausführlichen Test des Realwear HMT-1 stellen wir fest, dass die Smart Glasses halten, was sie versprechen. Allerdings muss man sich als Nutzer auf die reine Sprachsteuerung auch einlassen können. Das erfordert ein gewisses Maß an Übung. Dabei ist die Lernkurve aber angenehm steil und macht sich mit völlig freihändiger Nutzbarkeit bezahlt.

Mit einem Kaufpreis um ~1900 € exkl. MwSt. gehört das Realwear HMT-1 zum selben Preissegment industrietauglicher Monocular-Datenbrillen wie das Vuzix M400 und die Trivisio Loc.31 Smart Glasses.

Aber halten wir uns nicht länger auf: Auch bei Datenbrillen ist die Kaufentscheidung vom objektiven Abwägen der Pro- und Contrapunkte abhängig und nach diesem Prinzip führen wir Sie durch die Testkategorien: Ersteinrichtung und Komfort, Arbeitstauglichkeit und Sprachsteuerung sowie Akkulaufzeit, Performance und Speicher.

Gründe für und gegen das Realwear HMT-1

Unser Test beruht auf der Geräte-Version 11.2.0-07-C.HMT-1.G. Die Remote-Support-Funktionen haben wir anhand der AR Video Support Lösung SHARE von Oculavis erprobt. Dabei fiel positiv auf, dass Oculavis offizieller Partner von Realwear ist. Beinahe alle Funktionen waren intuitiv und auf Anhieb nutzbar, vom Teilen der Dokumentation via Cloud bis zur Videokonferenz mit Augmented-Reality-Einblendungen. Einziger Wermutstropfen hierbei: Das Update der SHARE App auf die aktuelle Version sollte auf dem HMT-1 automatisch erfolgen, musste aber manuell ausgelöst werden.

Moment! Was ist Remote Support?

Ersteinrichtung und Komfort

Pro
  • Die AR Brille sitzt per mitgeliefertem Workband schnell und sicher auf dem Kopf und das Tragegefühl ist angenehm.
  • Das Display lässt sich vor das linke oder das rechte Auge setzen, je nach Präferenz. Ein Wechsel des Auges geht leicht und ohne Gefrickel von der Hand. Ein Sensor erkennt automatisch, für welches Auge das Gerät konfiguriert werden muss.
  • Kein Problem für Brillenträger. Das Display stößt nicht an die Brille an und das Workband lässt das Brillengestell nicht verrutschen.
  • Wegdrehen nach unten gelingt problemlos, ohne die horizontale Ausrichtung zu verstellen. Wird das Display wieder benötigt, ist es mit einem Handgriff wieder in Position.
Beim HMT-1 handelt es sich um kein Smart Glass mit See-Through-Display. Vielmehr wurde es als Tablet für das Auge konzipiert.
Contra
Ein leistungsfähiger Akku und überragende Robustheit gehen ins Gewicht: Stolze 380 Gramm.
  • Mit einem Gewicht von 380 Gramm sitzt das HMT-1 vergleichsweise schwer auf dem Kopf. Dagegen kommt Vuzix M400 auf 180 Gramm und Trivisio Loc.31 kann mit 110 Gramm punkten.
  • Zwar schränkt es die Nutzbarkeit des HMT-1 nicht spürbar ein, aber die Fokussierung des Displays war im Test nicht ganz unproblematisch. Der linke Bildrand blieb leicht verschwommen. Richtete man das Display so aus, dass der linke Bildrand scharf wurde, geriet der rechte Bildrand aus dem Sichtfeld. Nach einigem Herumprobieren ließ sich der Winkel einigermaßen parallel zur Pupille ausrichten und das Problem abmildern. Positiv hervorzuheben ist eine entsprechende horizontale Verstellmöglichkeit, die viel Flexibilität erlaubt. Ein vollständiges Scharfstellen über die gesamte Displaybreite gelang bei der Ersteinrichtung jedoch nicht.

Arbeitstauglichkeit und Sprachsteuerung

Pro
  • Die Sprachsteuerung ist überraschend zuverlässig und ließ uns im Test in der Regel auch innerhalb von Fremdanbieter-Apps nicht im Stich. Fragt uns YouTube, ob wir auf Premium upgraden wollen, sagen wir laut und deutlich „Nein, danke“ und werden weitergeleitet. So muss es sein.
  • Das System ist auf die Sprachsteuerung und freihändige Bedienung ausgerichtet und wirkt sehr ausgefeilt. (Fast) alles ist realisierbar, sobald man sich mit den Funktionen vertraut gemacht hat. Kopfdrehungen können als Maus fungieren oder zwischen offenen Tabs wechseln. Objekte wie beispielsweise Dateien bekommen Nummern zugewiesen und lassen sich per Sprachbefehl zielsicher auswählen. Neben dem offensichtlichen praktischen Nutzen macht es sogar richtig Spaß, per Sprachbefehl mit der Kamera an Details in der Umgebung heranzuzoomen. Auch Videos aufzunehmen, zu spulen und zu pausieren gelingt nach kurzer Eingewöhnung problemlos. Per QR-Generator der Realwear Companion App kann das HMT-1 auch längere Texte oder Passwörter einscannen, ohne dass dafür die Sprachsteuerung bemüht werden muss.
  • Optimiert für den Außendienst: Im Test konnten wir uns von einer leistungsfähigen Störgeräuschunterdrückung und der Sichtbarkeit des Displays auch bei Sonnenschein überzeugen. Wobei die adaptive Helligkeit das Display tendenziell zu sehr abdunkelt und diese Einstellung deshalb besser selbst vorgenommen wird. Nicht getestet haben wir das HMT-1 auf die vom Hersteller angepriesene Wasserfestigkeit, Staubdichte und Unempfindlichkeit bei Stürzen. Insgesamt macht es aber einen sehr robusten Eindruck.
  • Der eigens entwickelte RW-Explorer erlaubt die Echtzeit-Synchronisation des Geräts mit einem Computerbildschirm per Kabel. Somit lässt die Konfiguration ungemein vereinfachen. Ein besonderes Schmankerl: Anwendungen lassen sich hier wahnsinnig unkompliziert per Drag&Drop von APKs installieren. Sehr gelungen.
Klasse! Zugriff auf die Datenbrillen-Oberfläche von externen Geräten und Installation von Apps über den realwear Explorer. Ganz einfach per Drag & Drop!
Hingegen weniger schön, dass es hier erstmal nicht weitergeht. Mit manchen Pop-Up-Fenstern im Web hat die Sprachsteuerung des HMT-1 derzeit noch ein Problem.
Contra
  • Wer von der Sprachsteuerung technische Wunder wie im Science-Fiction-Film erwartet, wird enttäuscht. Alles braucht seine Zeit und seinen Weg – wie in jedem Betriebssystem. Um beispielsweise die Schriftgröße anzupassen, muss man wissen wie: „Meine Programme: Einstellungen. Display erweitert. Schriftgröße vergrößern“.
  • Wenn man auf die Vorkonfiguration per RW-Explorer verzichtet und auch den QR-Code Generator der Realwear Companion App nicht verwenden möchte, kann die Sprachsteuerung in bestimmten Situationen sehr umständlich sein. Nämlich wenn es ans Buchstabieren geht. Beispielsweise das Eingeben von WLAN-Passwörtern per Sprachsteuerung ist kein Spaß. Darum gilt es – wenn möglich – entsprechend vorauszuplanen.
  • Im Test ließen sich bei der Nutzung von Web-Anwendungen bestimmte Pop-Ups schwer wegbekommen. Nämlich wenn sich der entsprechende Button zum Schließen des Pop-Ups nicht im Sichtfeld befindet. Das trat beispielsweise beim Versuch auf, Google zu nutzen. Hier erschien ein Disclaimer von Google („Bevor Sie fortfahren …“) als Pop-Up und für den Button zum Schließen müsste man nach unten scrollen. Allerdings funktionierte hier der Sprachbefehl „Nach unten“ nicht. Auf eine diesbezügliche Anfrage wurde uns freundlich mitgeteilt, dass das Problem bekannt sei und mit einem künftigen Patch behoben werden soll. Derzeit lässt es sich nur durch den RW-Explorer selbständig beheben – aber immerhin dauerhaft.

Akkulaufzeit, Performance und Speicher

Pro
  • Verfügt über einen leistungsstarken 2.0 GHz 8-core Qualcomm Snapdragon 625-Prozessor und 3 GB RAM Arbeitsspeicher.
  • Das Gerät startet in wenigen Sekunden und verbindet sich bei entsprechender Vorkonfiguration automatisch mit WLAN.
  • Akkuschonend: Das Display verdunkelt sich bei fehlendem Input automatisch und lässt sich durch einen kurzen Druck auf „Power“ wieder aufhellen.
  • Die 16-Megapixel-Kamera mit 1080p, 30fps und 4-Achsen-Bildstabilisierung konnte im Test überzeugen.
  • Ein 3250 mAh Li-Ion Akku gewährleistet 5-6 Stunden Laufzeit bei aktiver Nutzung. Das ist mehr als konkurrenzfähig.
  • Im Test haben wir das HMT-1 nach voller Aufladung einige Tage ruhen lassen. Keine Akkuentladung bei Nichtgebrauch feststellbar.
  • Mit Android 8.1 ein stabiles und bewährtes Betriebssystem.
Praktisch: Per Sprachbefehl an Details heranzoomen.
Contra
  • 16 GB interner Speicherplatz kann bei intensiver Nutzung der Videofunktion knapp werden. Mittels zusätzlich vorhandenem Micro SD Kartenslot ist aber eine Erweiterung möglich.

Fazit: Smart Glasses Realwear HMT-1 im Test

Alles steht und fällt damit, ob Sie bzw. die Mitarbeiter bereit sind, das Gespräch mit dem Gerät zu suchen und einzuüben. Wenn diese Bereitschaft da ist, blüht Ihnen ein wirklich innovatives Nutzererlebnis. Effektive Teamarbeit auf Distanz wird auch in komplexen technischen Use Cases ermöglicht. Ständiger Zugriff auf wichtige Informationen und eine komplett freihändige On-the-Fly-Dokumentation runden das Paket ab. Das HMT-1 zeichnet sich dadurch aus, dass es den Weg der reinen Sprachsteuerung konsequent geht, und zwar mit Erfindungsreichtum. Da mag man gerne verzeihen, dass noch nicht jeder kleine Stolperstein beseitigt ist.

Sie suchen eine ebenso ausgereifte Alternative zur sprachgesteuerten Datenbrille? Dann wird Sie die Trivisio Loc.3x-Reihe interessieren!

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